#wirsindmehr

Nachdem der genau wie seine Partei allseits beliebte Heiko Maas dazu aufgerufen hatte, dass die Menschen die Demokratie wieder mehr auf die Straße bringen müssen, ließ ich es mir nicht nehmen, an einer Demonstration teilzunehmen. In meinem feinsten Antifa-Zwirn gekleidet machte ich mich also auf zum Vorplatz des Duisburger Hauptbahnhofs. Vor dem Westeingang hatte die Polizei bereits durch Wellenbrecher eine Lagertrennung eingerichtet: rechts die Rechten, links die Linken. Meine erste Sorge, anzukommen und nicht zu wissen, wer wer ist und somit nachher noch im falschen Lager zu landen, war verflogen.
Auf der deutlich menschenreicheren linken Seite angelangt, stellte ich mich relativ zentral in die Menge und beobachtete meine Umgebung. Umgeben von bunthaarigen Leuten, die anscheinend der Idee von Arbeit genauso abgeschworen hatten wie der von Körperpflege, kamen mir die ersten Zweifel, ob ich hier wirklich dazu gehöre. Allerdings machten die nur einen kleinen Teil der Gruppe aus. Ebenso vertreten waren Schüler*innen, Student*innen und ältere Menschen, die ich der Kleidung nach am ehesten als mittelständische Lehrer*innen einordnen würde. Es lebe das Vorurteil! Was mich zusätzlich bedenklich stimmte, war die Menge an alkoholischen Getränken: sollte das eine Party sein oder ein politischer Protest? Die Organisatoren aus der linken Szene schienen so links zu sein, dass sie allein die Planung einer solchen Demonstration als Einschränkung ihrer Freiheit zu begreifen schienen, sodass sie leider keine leistungsfähigen Boxen und nur spontan einen Auftritt von der glorreichen Band “Kochkraft durch KMA” auf die Beine stellen konnten.
Deren Konzert wurde immer mal wieder unterbrochen, wenn es zu wilden Schlachtrufaustauschen mit der Gegenseite kam. Bei dem sehr ehrlichen Kanon der Linksfraktion “Ohne den Verfassungsschutz wärt ihr nur zu dritt” musste ich genau so herzlichen lachen, wie über den Rufgesang des Drummers der Band, der beim Anblick der Deutschlandflaggen auf der rechten Seite des Bahnhofs anfeuernd ins Mikrofon rief: “Belgien!”. Es scheint eine faszinierende Wahrheit zu sein, dass Humor nur die Linken können. Oder fällt irgendwem eine gute rechte Satire ein? Nein, die CSU zählt nicht.
Als die Menge aber anfängt, Rufe wie “Nazis raus!” zu skandieren, werde ich doch etwas nachdenklich. Nicht wegen meiner grenzenlosen Liebe für Nationalsozialisten, den Holocaust und Hitler, sondern, weil ich mich frage, ob da auf der anderen Seite wirklich (nur) Nazis stehen. Und selbst dann wäre ich noch skeptisch, denn eigentlich bin ich kein Fan von Konstrukten wie “‘wir’ gegen ‘die'”. Eingeleitet wurde die Demo der Linken durch eine Information, gegen was demonstriert wird, worauf hin direkt die Ergänzung erfolgte, dass man ja eigentlich für etwas demonstrieren wolle. Letzteres wäre etwas gewesen, das ich begrüßt hätte. Ich stand dort, weil ich zeigen wollte, dass rechte Kräfte eine deutliche Minderheit in Deutschland darstellen. Und weil ich dafür bin, dass Menschen gleich, gerecht und vorurteilsfrei behandelt werden. Vorurteilsfrei ist es sicher nicht, die komplette Gegenseite pauschal als Nazis abzustempeln. Denn aus Interviews weiß ich, dass auf der anderen Seite nicht nur Leute standen, die alle Ausländer scheiße finden, die sich Hitler zurück wünschen, die Juden vergasen möchten oder die der Auffassung sind, es gäbe eine Herrenrasse, die man verteidigen müsse. Da stand auch der Vater dreier Töchter, der wütend ist und Angst hat, dass alle seine Kinder von Flüchtlingen vergewaltigt und ermordet werden. Dass es sich dabei natürlich um eine ziemlich verzerrte Wirklichkeitswahrnehmung handelt, ist offensichtlich. Aber diesen Mann als Nazi zu beschimpfen, halte ich auch für überzogen. Und so gibt es in diesem Land viele Menschen, die wegen irgendwas frustriert sind oder die Angst vor etwas haben, denen wenig Verständnis entgegengebracht und stattdessen ein demokratisch nicht legitimiertes “Wir schaffen das!” einer mehr als überforderten Bundeskanzlerin übergestülpt wurde.
Vielleicht waren da auf der Gegenseite sogar Menschen, die die gleichen Punkte an der Flüchtlingspolitik kritisieren, wie ich. Und auf einmal erschien es mir ziemlich albern, die Menschen in zwei Gruppen zu spalten und gegeneinander auflaufen zu lassen. Andererseits ist es natürlich nicht okay, sich mit Gewalttätigen, die gezielt Ausländer angreifen, und Menschen einzulassen, die öffentlich den Hitlergruß zeigen. Wer also an der Seite solcher Menschen steht, muss ja irgendwie im Unrecht sein. Kurz nachdem das Konzert zu Ende ist, verließ ich nach circa zwei Stunden Demo den Platz und war froh, meine Haltung ausgedrückt und ein Zeichen gegen rechtes Gedankengut gesetzt zu haben. Zu Hause angekommen erfuhr ich dann, dass es bei der eigentlich friedlichen Demo doch noch zu einem Zwischenfall kam: Kurz, nachdem ich weg war, hatte wohl eine Gruppe von hundert linken Vermummten die Gruppe von Rechten angegriffen, sodass sie von der Polizei mit Gewalt und Pfefferspray zurückgetrieben werden musste. Wer an der Seite von Gewalttätigen steht, muss im Unrecht sein. Oder wie war das?
Von da, wo ich stand, konnte ich fast nichts (außer einer einsamen Deutschlandflagge) von der Gegendemo sehen. Am Ende des Tages erfuhr ich, dass auf der linken Seite etwa 1500 Menschen den 50 auf der rechten Seite gegenüberstanden. Das machte mich dann doch – trotz fehlendem Diskurs – sehr glücklich. Das “rechte Problem” hat denke ich viel mit den Reaktionen von Politik und Medien zu tun. Pauschalisierung und Vorverurteilung sind ebenso schädlich wie die von irgendwelchen Asozialen ausgehende Gewalt, die nichts mit rechts oder links zu tun hat. “Wir” sind mehr. Wer auch immer “wir” sind.

4 Gedanken zu „#wirsindmehr“

  1. Ein sehr sehr schöner Artikel, der zum Nachdenken anregt. Auch wenn du recht damit hast, dass nicht alle auf der anderen Seite ‘Nazis’ sind, ist es schwer Verständnis mit Menschen zu haben, die einer Gruppe von Leuten folgen, die Hitlerparolen schreien. Diese Menschen, die natürlich das Recht haben gegen die aktuelle Politik und kriminelle Flüchtlinge zu sein, müssen sich einfach ihr eigenes Lager schaffen. Weder rechts, noch links.

  2. Bei dem CSU Satz musste ich feste lachen
    Zwei Punkte, die ich dazu loswerden möchte:

    1. Mich hat es auch erschüttert am nächsten Tag zu erfahren, dass vermummte (vermeintlich) Linke die rechte Demo angegriffen haben. Dort stehen 1500 Leute, die für Frieden, Liebe und Toleranz einstehen möchten. Und dieser kleine Teil schafft es dann diese Werbung zu disqualifizieren, indem sie selbst Gewalt anwenden. Das ist nicht nur paradox, sondern einfach dämlich. Deswegen auch mein vorgeschobenes „vermeintlich“ Linke. Denn sobald sie Gewalt anwenden haben sie in meinen Augen das Recht (Recht von rechts, haha) verbürgt sich links zu nennen.

    2. Einen Punkt hast du angerissen, den ich für wichtig halte. Und zwar nach dem „warum“ zu fragen. Warum sind diese rechten (nicht-alle-Nazis) auf der Straße? Es ist nicht der Fremdenhass, das ist zu billig. Es ist eine Verunsicherung. Ein Gefühl nicht mehr abgeholt zu sein. Kurzum: Eine Folge von jahrzehntelanger neoliberaler Politik, die eben primär nicht den Kampf von rechts gegen links oder deutsch gegen Ausländer schürt (das sind nur Nebeneffekte), sondern den Kampf arm gegen reich. Und so verrückt (oder eben auch nicht) es klingt, eigentlich hätten alle Menschen an diesem Tag auf der gleichen Seite stehen müssen. Ein Zeichen gegen rechtes Gedankengut ist richtig und wichtige, aber es ist meiner Meinung nach nur ein Nebenschauplatz. Wenn die Menschen aufhören sich spalten zu lassen, könnten gemeinsame Demos stattfinden; gegen Deregulierung, gegen Privatisierung etc. Dann, und NUR dann, wäre der beliebte Chorslogan „wir sind das Volk“ für mich akzeptabel und angebracht.

    Senf abgegeben. Schöner Beitrag, High-Tower ✌

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