Impfen

Ursprünglich wollte ich diese Pandemie in einem Blogpost abhandeln. Nach “Werdet nicht hysterisch!” und “Haltet euch an die Regeln!” kommt jetzt allerdings schon der dritte zu dem Thema. Meine Gedanken zum Impfen:

Gefühl vs. Realität
Viele Menschen, mit denen ich so rede, scheinen Angst vor einer Impfung zu haben. Vielleicht liegt das zum Teil daran, dass mRNA Impfung erstmal gruselig klingt. Das ist aber nur ein Gefühl, tatsächlich verändert die nicht unser Erbgut. Oder es liegt daran, dass es bisher wenige zuverlässige Studien gibt. Das kann für Zweifel und Unsicherheit sorgen. Dabei sind Studien, also die systematische Beobachtung der Realität, das beste Mittel, um zu überprüfen, ob unsere Gefühle angemessen sind. Wie Studien funktionieren, habe ich hier schon mal beschrieben. Aus solchen Studien wissen wir, dass alle Impfstoffe einen sehr guten Schutz bieten. Das ist auch schon die wichtigste Realität.

Ist die Impfung gefährlich?
Normalerweise muss ein Impfstoff einen langen Testprozess durchlaufen, bis er zugelassen wird. Das ging diesmal schneller. Das liegt nicht daran, dass weniger gründlich gearbeitet wurde, sondern daran, dass die Testphasen nicht – wie üblich – nacheinander, sondern teils parallel zueinander abgelaufen sind. So konnten alle Phasen durchlaufen werden, was diese Impfung de facto so sicher macht, wie alle anderen Impfungen auch. Da Impfungen eine der größten Errungenschaften der Menschheitsgeschichte sind, muss man sich da prinzipiell keine großen Sorgen machen. Kurzfristige Erscheinungen wie Fieber oder Schwächegefühl können natürlich auftreten, verschwinden aber in der Regel innerhalb von ein bis zwei Tagen.

Was ist mit Langzeitschäden?
Über die kann man tatsächlich noch keine Aussage treffen. Man kann aber auf die Beobachtungen der letzten Jahre mit vergleichbaren Impfungen schauen. Hier hat man für die Vektorimpfung natürlich mehr Daten als für die mRNA Impfung, aber auch letztere ist schon zahlreich erprobt worden. Bei meiner Recherche habe ich nur einen einzigen Fall (was in Anbetracht der Häufigkeit von Impfungen sehr wenig ist) von gehäuften Langzeitschäden gefunden. Bei diesem Fall geht es um Pandemrix, einen mittlerweile vom Markt genommenen Impfstoff gegen Schweinegrippe. Bei dem konnte es durch eine sehr seltene Kombination aus Impfung und einer Erkrankung, die dazu führte, dass die Blut-Hirn-Barriere durchlässig wurde, dazu kommen, dass Betroffene dauerhaft Narkolepsie entwickeln. Das waren 1.300 von 60.0000.00 Geimpften, also 0,00005%. In den Studien fiel das vor der Zulassung nicht auf, weil es zu wenige Probanden gab. Damals wurden circa 1.600 Menschen geimpft. Bei der ersten Biontech Studie sind das bereits 22.000. Es ist also wahrscheinlicher, sehr seltene Nebenwirkungen zu finden. Fälschlicherweise wurden die Narkolepsien oft als Langzeitschäden betitelt, obwohl man sie sehr früh erkennen konnte, sie nur eben sehr selten auftraten. Mittlerweile sind Millionen Menschen geimpft worden. Selbst, wenn es also noch seltenere Nebenwirkungen gäbe, als es damals mit der Schweinegrippe und der Narkolepsie der Fall war, hätte man die wahrscheinlich mittlerweile beobachten können. Richtig, wahrscheinlich. Wie mit fast allen Dingen, gibt es hier keine 100%ige Sicherheit. Theoretisch könntest du eine Langzeitfolge einer Impfung erfahren, aber das ist so extrem unwahrscheinlich, dass es unvernünftig wäre, sich deswegen gegen eine Impfung zu entscheiden. Man kann hier auch eine Kosten-Nutzen Rechnung aufmachen: die extrem geringe Wahrscheinlichkeit einer noch unbekannten Nebenwirkung vs. tausende Tote jeden Tag.
Fun Fact: Bei meiner Recherche bin ich auch auf einen Fall gestoßen, bei dem eine Masernimpfung in England angeblich schlimme Spätfolgen verursachte. Es stellte sich heraus, dass das ein Arzt behauptete, der von Anwälten bezahlt wurde, die vor Gericht gegen einen Impfstoffhersteller klagen wollten. Die Ergebnisse ließen sich nicht replizieren, der Impfstoff wurde nach unabhängiger Überprüfung als ungefährlich eingestuft.

Darf ich den Impfstoff trotzdem kritisieren?
Kritik darf man trotzdem äußern. Beispielsweise am Preis: Viele Länder und auch die EU haben hunderte Millionen € in die Entwicklung der Impfstoffe investiert. Es gibt nirgendwo transparente Auflistungen darüber, inwiefern diese Zahlungen die Entwicklung der Impfstoffe ermöglicht oder beschleunigt hat. Das lief mehr nach dem Prinzip “Nehmt das Geld und macht was damit!”. So etwas derartig intransparent zu gestalten finde ich schon äußerst bedenklich. Hinzu kommt aber, dass sich die Hersteller (Astrazeneca im Moment noch ausgenommen, die wollen zumindest bis Sommer zum Selbstkostenpreis verkaufen) dazu erdreisten, sich in erheblichem Ausmaß zu bereichern. Sie bekommen also Geld vom Staat für ein Produkt, dass sie dem Staat dann wieder mit einem deutlichen Gewinn verkaufen.
Ein weiterer kritischer Punkt ist das Patent. Ja, geistiges Eigentum ist wichtig und man sollte belohnt werden, wenn man etwas entwickelt, das es vorher nicht gegeben hat. Im Moment haben wir aber eine Pandemie, an der täglich irgendwas zwischen 6000 und 17000 Menschen sterben. Sollte man da nicht die Gewinninteressen weniger etwas zurückstellen? Und sollte da ein Impfstoffhersteller nicht die Anleitung zum Schutz gegen diese Pandemie der Welt zur Verfügung stellen? An jedem Tag, an dem weniger Impfstoff hergestellt wird, sterben Menschen. Und im Moment sterben viele Menschen, damit andere ein höheres Monatseinkommen haben. Ein sozialer Staat könnte hier eingreifen und ein Unternehmen dazu zwingen, das Patent herauszugeben. Man könnte den Impfstoffherstellern immer noch eine Beteiligung am Gewinn zusagen. Aber das passiert nicht. Im Moment sind ~2,5 Millionen Menschen an Corona verstorben.

Wird jetzt alles besser?
Leider nein. Trotz Impfung gibt es noch zahlreiche Probleme. Erstmal müssen genug Menschen geimpft werden. Zum einen gibt es da logistische Probleme. Zum anderen ist ein weiteres Problem: der Mensch. Die Impfbereitschaft ist zu niedrig, um die sogenannte Herdenimmunität herzustellen. Hierfür ist vor allem relevant, inwiefern sterilisierende Immunität (= nach Impfung nicht mehr ansteckend sein) durch die Impfung gegeben ist. Ebenso ist unbekannt, wie lange die Impfung wirken wird. Ähnlich wie bei der Grippe, mutiert Corona und müssen die Impfstoffe angepasst werden. Von all diesen Dingen hängt ab, wie schnell die Ausbreitung eingedämmt werden kann. Verschwinden wird Corona so schnell leider nicht mehr. Aber dennoch bleibt die Impfung die einzige Möglichkeit, um den Lockdown zu verlassen. Und das sollte sich wirklich jeder Skeptiker oder Impfverweigerer durch den Kopf gehen lassen: Ohne Impfung bleibt alles, wie es ist bzw. werden die Einschränkungen noch viel heftiger.

Meine Erfahrung mit Astrazeneca
Ich bin vorgestern geimpft worden. Eigentlich wäre ich noch gar nicht an der Reihe, aber da im Moment Millionen Dosen Astrazeneca Impfstoff rumliegen, weil die keiner haben will, kann ich das moralisch vertreten. Mit einem 70%igen Schutz vor Infektion und einem sehr viel höheren Schutz vor schweren bis mittelschweren Verläufen (zum Vergleich: die Grippeimpfung hatte in den letzten 15 Jahren eine durchschnittliche Wirksamkeit von ~40%) kann man sehr zufrieden sein. Mein Arm tat die ganze Zeit über gar nicht weh. Am Mittag der Impfung spürte ich keine Einschränkungen. Gegen Abend begannen leichte Kopfschmerzen. Kurz vor dem Schlafengehen gingen dann Schüttelfrost und Hitzewallungen los, aber in Maßen. Hatte erst kurz vor dem Schlafen erhöhte Temperatur. Nachts scheine ich gefiebert zu haben, zumindest habe ich viel geschwitzt. Am Morgen danach plagten mich noch sehr leichte Kopfschmerzen und ein sehr leichtes Schwächegefühl. Von demografisch vergleichbaren Bekannten (N≈10) habe ich vernommen, dass sie alle vergleichbare Nebenwirkungen hatten, teils aber noch bis zum Abend des Folgetages. Astrazeneca selbst sagt, dass Nebenwirkungen nur in 73% der Impffälle auftreten. 24 Stunden nach der Impfung war ich wieder fit.

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